Hans Güntner GmbH, Fürstenfeldbruck
75 Jahre Hans Güntner GmbH (1931–2006)
75 Years of Hans Güntner GmbH (1931–2006)
Zum 75-jährigen Firmenjubiläum des Kältetechnik-Spezialisten Hans Güntner hat das Geschichtsbüro den Text für eine 22-seitige, zweisprachige Broschüre und für einen Beitrag in der Kundenzeitschrift „heatXchange” (05/2006) verfasst und die dazu notwendigen Bilder besorgt.
Geschichte auf der Firmenhomepage
75 Jahre Hans Güntner GmbH (1931–2006)
Vom Kühlhausmechaniker zum Firmenchef:Hans Güntner und die Gründerzeiten der Hans Güntner GmbH (1931–1978)
Ein Notfall, der zum Glücksfall wird
An einem Sonntagmorgen im Sommer 1934 brach über die Münchner Metzgerei Koller die Katastrophe herein: Die Kühlanlage war über Nacht ausgefallen und die verderblichen Fleischvorräte waren ungeschützt der Sommerhitze ausgesetzt. In ihrer Not wandte sich die Metzgertochter Anna Koller an einen Mechaniker, der sich mit Notreparaturen an Kühlanlagen bei den Münchener Fleischereien einen guten Namen gemacht hatte: Hans Güntner. Der junge Mechaniker war auch sofort zur Stelle, reparierte in kürzester Zeit das Kühlhaus und erwies sich überhaupt als patenter Kerl. So patent, dass Annie Koller sich von dem jungen Mann noch am selben Nachmittag zu einem Spaziergang an den Starnberger See ausführen ließ. Schon bald waren die beiden ein Paar und drei Jahre später wurde geheiratet.
Als Hans Güntner im Februar 1931 seinen Ein-Mann-Reparaturbetrieb gründete, erwartete er wohl kaum, dadurch die Frau seines Lebens zu finden. Noch weniger konnte er damit rechnen, dass seine Firma sich zu einem international erfolgreichen, mittelständischen Unternehmen entwickeln würde, ja gar zu einen marktführenden Global Player. Denn mit seiner „Ich-AG” wollte der damals 22-jährige Güntner zunächst nur in seiner Heimatstadt München bleiben. Nach seiner Ausbildung zum Maschinenschlosser bei der Münchner Filiale des internationalen Kältemaschinenherstellers Frigidaire hatte ihm sein Arbeitgeber nur im fernen Berlin eine Stelle angeboten. Das kam für den überzeugten Münchner nicht infrage. Da die kleine Schlosserei des Vaters in Schwabing ihn nicht auch noch ernähren konnte, folgte Hans Güntner dem guten Rat eines Metzgers und Frigidaire-Kunden, sich als Wartungsmechaniker für Kühlanlagen selbstständig zu machen. Denn durch die Weltwirtschafskrise war das Servicenetz der Kältemaschinenindustrie für die Kühlanlagen in Handel und Gewerbe weitgehend zusammengebrochen. Der junge Güntner stieß also in eine Lücke, die sich durch die Wirtschaftskrise geöffnet hatte.
Wartung und Reparatur in Kriegszeiten
Hans Güntner hatte schnell Erfolg und betreute – dank eifriger Mund-zu-Mund-Propaganda – bald schon zahlreiche Münchner Metzgereien. Dann kamen Lebensmittelhändler und die Gastronomie hinzu, für die seine Arbeit ebenfalls unersetzlich war. 1939 aber brach der Krieg aus und der 30-jährige Hans Güntner wurde einberufen. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich diese Nachricht bei seiner Kundschaft. Eine betroffene Metzgerfrau warnte im ersten Schreck ihre Kunden, dass man ohne funktionierende Kühlräume die Qualität nicht werde halten können. Der Zufall wollte es, dass sich unter den Kunden der Metzgerei auch die Frau eines Generals befand, die umgehend ihren Mann alarmierte. Um auch in Zukunft nicht auf frische Wurst und frisches Fleisch verzichten zu müssen, sorgte der General dafür, dass Hans Güntners Ein-Mann-Betrieb als kriegswichtiges Unternehmen eingestuft wurde und sein Besitzer vom Kriegsdienst befreit wurde.
Tatsächlich wurden Güntners Dienste im Krieg so wichtig wie nie zuvor, denn kältetechnisch erfahrene Handwerker wurden rasch knapp. Die Kältetechnik erlebte zwar insgesamt im Zweiten Weltkrieg eine enorme Entwicklung, aber viele Firmen mussten auf militärische Erzeugnisse umstellen und ihre qualifizierten Fachleute an das Militär abgeben. Bald fehlten die Ersatzteile, Kühlanlagen wurden zu Mangelgütern. Hans Güntner versuchte zunächst, in der väterlichen Schlosserei die defekten Verdichter, Verdampfer oder Verflüssiger zu flicken oder Ersatzteile zu fertigen. Aber schon bald richtete er sich in einem Hinterhof in der Ringseisstraße 10 im Münchner Süden eine eigene Werkstatt ein.
Not macht erfinderisch: Der Einstieg in den Gerätebau
Auch nach Kriegsende erfreute sich Hans Güntners „Spezialbetrieb für Kühlanlagen” einer ungebrochenen Nachfrage. Während viele Großbetriebe der Kältemaschinenindustrie in Trümmern lagen und der Wiederaufbau nur schleppend vorankam, war seine Werkstatt verschont geblieben. Immer öfter reichten aber Reparatur und Ersatzteilefertigung nicht mehr aus, denn Kriegsschäden und Verschleiß hatten viele Kühlanlagen unbrauchbar gemacht, und neue Anlagen waren nirgends zu bekommen. Da Hans Güntner die erforderlichen Komponenten für kleinere Kühlsysteme durchaus selbst fertigen konnte, baute und montierte er bald die ersten eigenen Kühlanlagen. Das sprach sich unter seinen Kunden, den kleinen Schlachthöfen, Metzgereien und Lebensmittelgeschäften, schnell herum, denn sie benötigten dringend Kühlanlagen. Daher wurde der Geräte- und der Anlagenbau zunehmend wichtiger, während die Wartungs- und Reparaturarbeiten in den Hintergrund traten. Ende der 1950er Jahre schließlich konzentrierte sich Güntner ganz auf die Entwicklung und Fertigung von Kühlsystemen. Montage und Service überließ er einem langjährigen Mitarbeiter, Josef Röckelein, der bei Güntner ausgebildet worden war und nun als eigenständiger Unternehmer agierte.
Mit dem Einstieg in die Fertigung waren die ersten Mitarbeiter eingestellt worden. Annie Güntner hatte sich von Anfang an um Verwaltung und Buchhaltung gekümmert. Jetzt brauchte Hans Güntner Schlosser, Kältetechniker und Monteure. Ende der 1950er Jahre beschäftigte er bereits mehr als 20 Mitarbeiter. Aus dem Handwerksbetrieb war ein kleines Fertigungsunternehmen geworden. Allerdings wurde es langsam eng in der Ringseisstraße. Die Firma hatte sich inzwischen zwar auf das gesamte Hinterhofgebäude ausgebreitet, aber für neue Produktionsanlagen fehlte der Platz, und das Unternehmen war viel zu laut für ein Wohngebiet. Wollte Güntner weiterwachsen, musste die Firma umziehen.
Expansion im Wirtschaftswunder
Die gesamtwirtschaftliche Situation der späten 1950er Jahre schrie förmlich nach Expansion. Der Wiederaufbau hatte einen rasanten wirtschaftlichen Aufschwung ausgelöst, die Auftragsbücher waren prall gefüllt und das Wachstum zweistellig. Auch in der Kälteindustrie gab es einen riesigen Markt: In der Nahrungsmittelherstellung mussten veraltete Kühlanlagen ersetzt und neue Betriebe ausgerüstet werden. Gefrieranlagen setzten sich durch, die chemische Industrie benötigte moderne Großkälteanlagen und in den Privathaushalten wurden Kühlschrank und Gefriertruhe sichtbare Zeichen eines neuen Wohlstands.
Um der enormen Nachfrage gerecht werden zu können, mussten sich die Produzenten spezialisieren. Aufgrund seiner Erfahrung konzentrierte sich Güntner auf Kühlsysteme für kleine und mittlere Betriebe in Lebensmittelverarbeitung und -vertrieb. Er plant eine Fertigungsanlage für große Stückzahlen an Kühlkomponenten aufzubauen, die durch ein Modulsystem problemlos den jeweiligen Kundenanforderungen angepasst werden konnten. Als im nahen Germering Industrie- und Gewerbegebiete ausgewiesen wurden, griff Güntner zu. Die nötigen Mittel konnten durch einen Kredit der Münchner Hypobank in Höhe von 500.000 Mark aufgebracht werden – damals eine ungeheure Summe, die nur dank der Vermittlung eines Schwagers von Anna Güntner, der in führender Position bei der Bank tätig war, bewilligt wurde. Im November 1960 konnte in der ersten Fabrikationshalle mit der Produktion begonnen werden.
Güntners Plan ging auf. Mit modernen Produkten konnte sich das Unternehmen auch auf dem nationalen Markt behaupten. Insbesondere der von Güntner entwickelte luftgekühlte Verflüssiger erwies sich als Verkaufsschlager, denn er ermöglichte Kühlsysteme, wie sie die in den 1960er Jahren überall aus dem Boden schießenden Supermärkte benötigten. Mit ihrem flexiblen Modulsystem konnte die Hans Güntner GmbH sowohl auf individuelle Kundenwünsche eingehen, als auch große Anlagenbauer, wie etwa Linde, mit Komponenten in großen Stückzahlen beliefern. So verdoppelte sich die Zahl der Mitarbeiter in Germering schnell, und bald schon zählte die Belegschaft mehr als 100 Angestellte.
Ein familiärer Schicksalsschlag
Weiterhin wurde die Firma aber als Familienunternehmen geführt, was nicht zuletzt dadurch deutlich wurde, dass Güntners über dem Bürogebäude ihre Privatwohnung hatten. „Frau Chefin” Anna Güntner wachte über die Buchhaltung und sorgte dafür, dass ihr Mann über Verhandlungen und Planungen das Abrechnen nicht vergaß. Die Söhne Hubert und Hans wurden früh auf den Einstieg in den Betrieb vorbereitet. Hubert, der ältere, erhielt eine kaufmännische Ausbildung, während Hans eine Maschinenschlosserlehre absolvierte und im Anlagenbau Theorie und Praxis des Kältekreislaufs erlernte. Doch 1963 traf die Familie und das Unternehmen Güntner ein schwerer Schicksalsschlag: Bei einem Autounfall kamen beide Söhne sowie zwei Mitarbeiter der Firma ums Leben. Der tragische Verlust stellte ein Lebenswerk infrage: Wer sollte das Unternehmens nun fortführen?
Zunächst half dem Unternehmen allerdings seine ungebremste Dynamik. In den 1960er Jahren konnte das Unternehmenswachstum kaum Schritt halten mit der Nachfrage. Güntner war auf allen wichtigen Messen vertreten, überzeugte seine Kunden mit hochwertigen Produkten und lieferte bereits ins Ausland. Die Fabrikationshallen in Germering wurden immer wieder erweitert und mit 120 Angestellten war Ende der 1960er Jahre die größtmögliche Ausdehnung am Standort erreicht.
Aber selbst bei bester Ausnutzung des Firmengeländes konnten die Produktionskapazitäten nicht mit der Nachfrage- und Marktentwicklung mithalten. Von ihren Produkten her hätte die Hans Güntner GmbH in den 1960er Jahren vermutlich Marktführer werden können, aber die Kapazitäten reichten dazu nicht aus. Den nächsten Entwicklungsschritt zu einer großindustriellen Fabrikation schien der Firmenchef nicht einmal zu erwägen. Vielleicht, weil er seine Söhne und Nachfolger so tragisch verloren hatte. Andere Anbieter profitierten von Güntners Zurückhaltung: Sie übernahmen seine Innovationen und produzierten im großindustriellen Maßstab.
Der Ausstieg des Firmengründers
Anfang der 1970er Jahre machte der amerikanische Sundstrand-Konzern Güntner ein Kaufangebot. Sundstrand – ein Unternehmen der Luft-, Raumfahrt- und Klimatechnik – produzierte erfolgreich Kühlelemente für Haushaltskühlgeräte. Nun wollte die Konzernleitung durch den Kauf eines europäischen Unternehmens auch in den Markt für gewerblich Kühlanlagen vorstoßen. Die Hans Güntner GmbH war dafür der ideale Partner. Hans Güntner selbst erwartete, dass die große Sundstrand AG sein Unternehmen erfolgreich weiterentwickeln würde. Nach raschen Verhandlungen übernahm Sundstrand Ende 1972 die Hans Güntner GmbH und verwandelte das Unternehmen in eine Zweigniederlassung der deutschen Sundstrand GmbH. Um die neue Firmenleitung einzuarbeiten, leitete Hans Güntner noch ein paar Monate die Geschäfte und schied dann im Mai 1973 endgültig aus dem Unternehmen aus. Für ihn war mit dem Verkauf an den amerikanischen Konzern ein Lebensabschnitt abgeschlossen.
Mit Sundstrand in die Krise
Die Übernahme durch den mächtigen amerikanischen Sundstrand-Konzern erfüllte jedoch nicht die daran geknüpften Erwartungen. Bereits Ende 1973 geriet das Unternehmen in Schwierigkeiten: Sundstrand fehlte die Branchenkenntnis, die neue Firmenleitung agierte ungeschickt und beschädigte durch unzuverlässige Kundenbetreuung und Lieferverzögerungen das Ansehen des Unternehmens. Angesichts schlechter Zahlen verlor die Muttergesellschaft schnell das Interesse und schreckte vor notwendigen Investitionen zurück. Mit dem Eintritt von Willy Löffler in die Geschäftsleitung 1974 stabilisierte sich das Unternehmen zwar, an eine konsequente Weiterentwicklung war jedoch nicht zu denken. Sundstrand hatte inzwischen seine globale Strategie neu ausgerichtet und das Interesse an der Zweigstelle in Germering verloren. Die Investitionsmüdigkeit der Muttergesellschaft ließ die Qualität der Produkte stagnieren und verzögerte den Einstieg in die Klimatechnik, die sich unterdessen in der Branche als Wachstumssektor erwies. Angesichts der unsicheren Situation verließ manch wichtiger Mitarbeiter das Unternehmen, was den betrieblichen Erfolg zusätzlich belastete. Mitte der 1970er Jahre kämpfte die Hans Güntner GmbH unter dem Dach des Sundstrand-Konzerns ums Überleben.
1977 gab Sundstrand offiziell auf: Geschäftsführer Willy Löffler wurde beauftragt, nach einem Käufer Ausschau zu halten und den Ausstieg Sundstrands vorzubereiten. Allerdings hatte sich der Wert der Güntner GmbH in den Augen potenzieller Erwerber inzwischen empfindlich reduziert, weshalb erste Verhandlungen mit branchennahen Interessenten ergebnislos verliefen. Da beschloss Willy Löffler – besorgt um die Zukunft des Unternehmens und im festen Vertrauen auf die Leistungsfähigkeit der Belegschaft sowie auf das Entwicklungspotenzial des Betriebs – die Geschicke der Güntner GmbH in die eigene Hand zu nehmen. Er ließ sich von Sundstrand ein Angebot unterbreiten und organisierte gemeinsam mit anderen führenden Mitarbeitern sowie mit einigen wenigen unternehmensnahen Geldgebern ein Management-Buy-out: Im April 1978 wurde die Hans Güntner GmbH neu gegründet, diesmal getragen von einem unabhängigen Zusammenschluss von insgesamt 14 Gesellschaftern, die Willy Löffler mit der Geschäftsführung beauftragten.
Um den Traditionsnamen „Güntner” behalten zu können, musste Firmengründer Hans Güntner zu einer – minimalen – Beteiligung am Unternehmen überredet werden. Nur zögernd stimmte der 70-jährige zu. Nach dem Tod seiner Söhne und dem Verkauf an Sundstrand hatte er mit dem Unternehmen abgeschlossen und auch die Turbulenzen der vergangenen Jahre nur aus der Ferne beobachtet. Kurze Zeit später, im Jahre 1980, verstarb Hans Güntner überraschend an den Folgen eines Sturzes in seinem Altersruhesitz in Rottach-Egern.
Der Aufstieg zum Global Player (1978–2006)
Rückkehr in die Unabhängigkeit: Die Chancen nutzen
Die neue Hans Güntner GmbH unter Leitung von Willy Löffler musste die Versäumnisse von fünf Sundstrand-Jahren aufholen und im Grunde dort neu ansetzen, wo Firmengründer Hans Güntner sein Unternehmen verlassen hatte: Interne Betriebsabläufe wurden optimiert, die Kundenbetreuung wieder an das bewährte Niveau früherer Zeiten herangeführt und die Produktpalette an die Bedürfnisse des inzwischen in Bewegung geratenen Marktes angepasst. Denn die Energiekrise, die seit der „Ölkrise” von 1973 die Weltwirtschaft zum Umdenken zwang, wirkte sich auch auf die Kältetechnik aus: Energieeffizienz wurde plötzlich wichtig und beschäftigte die Ingenieure. Zugleich gelang der Güntner GmbH endlich der lange aufgeschobene Einstieg in die Klimatechnik, deren Markt nun auch in Deutschland – nach amerikanischem Vorbild – erheblich gewachsen war. Dies war vor allem eine Folge des neuen Baustils für Verwaltungsgebäude, bei denen in den 1970er Jahren die bisherigen Bürokorridore durch Großraumbüros ersetzt wurden. In solchen großzügigen Bauten waren Klimaanlagen schon für die Luftumwälzung unerlässlich. Ende der 1970er Jahre entstand durch den Siegeszug der elektronischen Datenverarbeitung ein neuer Anwendungsbereich für die Klimatechnik, denn die ersten industriellen Großrechenanlagen waren nicht nur raumgreifend, sondern erzeugten auch eine enorme Wärme in bis dahin oft schlecht belüfteten Büroräumen. Die Güntner GmbH erkannte das Marktpotenzial für Klimatechnik und bot bereits seit 1979 spezielle Komponenten für die Klimatisierung von EDV-Anlagen an.
Der frische Wind in der Unternehmensleitung übertrug sich auf die Belegschaft, die sich von der Aufbruchstimmung mitreißen ließ. Schnell war der gute Ruf des Unternehmens wiederhergestellt und Güntner konnte an alte Erfolge anknüpfen. Wie einst die Werkstatt in der Ringseisstraße, so wurden jetzt die Produktionsanlagen in Germering zu eng: Das Firmengelände war bis in den letzten Winkel zugebaut worden, gelegentlich musste sogar der Parkplatz als Freiluftlager herhalten, denn eine Vergrößerung war nicht möglich. Wenn es weiterwachsen wollte, musste das Unternehmen seinen bisherigen Firmensitz aufgeben. Ein neues Industriegebiet im nahen Fürstenfeldbruck bot dazu die Gelegenheit.
Von Germering nach Fürstenfeldbruck
1981 wurde in Fürstenfeldbruck der heutige, repräsentative Firmensitz mit neuer Produktionsstätte errichtet. Da der Käufer der alten Immobilie in Germering einen engen Zeitrahmen setzte, war der Umzug in die neuen Räumlichkeiten eine besondere logistische Herausforderung. Denn um Liefertermine nicht zu gefährden, mussten im Januar 1982 bei laufender Produktion die Anlagen in Germering abgebaut und Verwaltung und Produktion in Fürstenfeldbruck neu aufgebaut werden: Jeweils nach Abschluss einer Fertigungsreihe wurde eine Anlage in Germering ab- und sofort in Fürstenfeldbruck wiederaufgebaut, um die Produktion möglichst schnell fortsetzen zu können. Zug um Zug wurde es in den Hallen in Germering immer stiller, während sich die Fabrik in Fürstenfeldbruck mit Mitarbeitern, Maschinen und Arbeitsgeräuschen füllte. Die noch ausstehende Pflasterung des Firmengeländes übernahmen in den folgenden Wochen die führenden Mitarbeiter und Anteilseigner der Firma voller Elan während ihrer Freizeit selbst.
Die Geschäftsentwicklung der folgenden Monate bestätigte die Richtigkeit der Entscheidung. Die Umsatzziele wurden auf Anhieb erreicht und schon bald übertroffen. Eine umsichtige Anpassung an die Marktentwicklung sicherte langfristig den wirtschaftlichen Erfolg: Güntner reagierte auf die Trends in der industriellen Lebensmittelerzeugung und -Veredelung und entwickelte geeignete Komponenten für Gefrieranlagen zur Verarbeitung von Tiefkühlkost. Auch die Konzentrationstendenzen im Lebensmittelhandel, die zur Entstehung eines flächendeckenden Netzes an Großsupermärkten und überregionalen Schlachtgroßbetrieben führten, beeinflussten die Produktpalette. Der Kühlanlagenbau für derartige Betriebe wurde mit entsprechenden Elementen, insbesondere mit großformatigen Verflüssigern, beliefert. Zugleich baute das Unternehmen sein Engagement im Klimageschäft aus und erschloss sich damit immer neue Bereiche des Wärmeaustauschermarktes.
Die Güntner GmbH wächst zur Güntner Gruppe
Die Kälte- und Klimabranche kam in den 1980er und frühen 1990er Jahren, wie andere Wirtschaftszweige auch, erheblich in Bewegung – viele traditionsreiche Unternehmen gerieten in die Krise, wurden aufgekauft, fusionierten oder verschwanden, neue Konzerne entstanden und gingen ihrerseits in neuen Konzerngruppen auf. Die Güntner GmbH konnte sich in dieser unruhigen Zeit mit ihrem bewährten Konzept behaupten: ein innovatives Sortiment an Komponenten, das flexibel auf die Markttendenzen abgestimmt werden konnte und gleichzeitig die individuelle Anpassung auch an ausgefallene Kundenwünsche ermöglichte. Das sicherte dem Unternehmen eine gute Ertragslage und eine stabile Marktpräsenz.
Der wirtschaftliche Erfolg im Kerngeschäft erlaubte die Übernahme anderer Firmen und die Expansion ins Ausland: Bereits 1983 stieg die Güntner GmbH bei der Wassenberg GmbH in Dormagen ein, einem Spezialbetrieb für Rohrbündel-Austauscher. Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre setzte Güntner vor allem auf die neuen Chancen in Osteuropa. Ein erster Anlauf wurde schon 1986/87 genommen, als Güntner durch den Erwerb eines finnischen Unternehmens auf den russischen Markt vorstoßen wollte. Weil das Projekt zu aufwendig und risikoreich war, wurde es aber nicht in die Tat umgesetzt.
Aussichtsreicher war Ungarn, wo Güntner durch ein Joint Venture direkt auf dem osteuropäischen Markt Fuß fassen konnte. Ungarn verfügte außerdem über gut ausgebildete Kältetechniker. Noch vor dem Fall des Eisernen Vorhangs ging Güntner 1988 eine Partnerschaft mit der ungarischen Firma Hütötechnika ein, die Güntner zugleich zu 51 Prozent erwarb. Das Joint Venture nahm 1990 die Produktionsstätte „Güntner Tata” in Betrieb, in der von ungarischen Fachkräften ein luftgekühlter Kupfer-Aluminium-Verflüssiger produziert wurde. Im Laufe der Zusammenarbeit übernahm Güntner weitere Anteile von Hütötechnika, bis der ungarische Partner schließlich ganz aufgekauft und Güntner Tata eingegliedert werden konnte. 1993 gelang endlich auch die Errichtung einer russischen Zweigstelle: Am Ural nahm die kleine Produktionsstätte „ish” die Fabrikation auf, die in Vertrieb und Logistik von der ungarischen Filiale unterstützt wurde.
Auch die Möglichkeiten der deutschen Einheit ließ Güntner nicht ungenutzt. Um in das Geschäft mit Plattenwärmetauschern einzusteigen, gründete 1994/95 Güntner bei Berga in Sachsen-Anhalt die Firma „Thermowave” die heute 70 Beschäftigten Arbeit bietet.
Etwa zur selben Zeit rief Güntner mit der „Güntner Elektronik” ein weiteres Tochterunternehmen ins Leben. Da die Bedeutung elektrotechnischer Steuer- und Kontrollelemente in modernen Kühl- und Klimaanlagen immer mehr zunahm, wollte Güntner auch auf diesem Sektor eigene Entwicklungsarbeit leisten und gründete dafür 1994 den neuen Unternehmenszweig.
Mitte der 1990er Jahre erreichte das ungestüme Wachstum der Güntner-Gruppe einen ersten Höhepunkt: Güntner war auf allen europäischen Märkten vertreten und der Ausgriff nach Osteuropa mit der Zweigstelle in Ungarn sicherte die Marktpräsenz bis zum Ural. Dank dieser starken Stellung konnte Güntner 1995 den Schweizer Mitbewerber Jäggi erwerben. Das Unternehmen Güntner hatte sich so zur verzweigten Güntner-Gruppe weiterentwickelt.
Chancen und Risiken der Globalisierung
In den folgenden Jahren baute Güntner auch seine Präsenz auf interkontinentalen Märkten aus: 1994/95 eröffnete Güntner im Rahmen eines Joint Ventures ein Werk in Indonesien (Surabaya). Der Kontakt war durch einen indonesischen Mitarbeiter am Fürstenfeldbrucker Firmensitz hergestellt worden und die Aussicht auf ein Standbein in Asien war für Güntner verlockend. 1997 beteiligte Güntner sich außerdem an einem südafrikanischen Unternehmen bei Johannisburg und übernahm dessen kältetechnischen Zweig.
Allerdings trog in beiden Fällen die Hoffnung, mit dem Vorstoß in neue Märkte auch die Unternehmensgewinne steigern zu können. Trotz hoher Investitionen erwirtschaftete die mangelhaft organisierte indonesische Fabrik in den ersten Jahren nur hohe Verluste. Auch die südafrikanische Zweigstelle litt unter einer glücklosen Betriebsführung vor Ort und erwies sich daher als weitaus weniger profitabel als erwartet. Die Globalisierung der Güntner-Gruppe schien im ersten Anlauf zu scheitern. Ende der 1990er Jahre drohte Güntner zudem am eigenen Wachstum zu ersticken: Hohe Investitionen und verlustreiche Anlaufphasen in den neuen Unternehmensteilen sowie die unzureichende Koordination von Zweigstellen und Produktionsstätten belasteten das Unternehmen. In der ungestümen Expansionsphase war die Unternehmensleitung zwar einer Vision gefolgt, ohne sich jedoch Zeit für strategische Überlegungen zu nehmen. Nun rächte sich das unkoordinierte Wachstum und die unzureichenden Strukturen.
Durch Restrukturierung zum globalen Marktführer
1998 wurde der Handlungsbedarf erkannt und die Geschäftsleitung zu einem „Triumvirat” mit Willy Löffler, Siegfried Kottermair und Helmut Weiser erweitert. Mit Fritz Spielauer fand sich zudem ein erfahrener Manager, der in wenigen Monaten die indonesische Produktionsstätte Surabaya aus der Verlustzone führte und in einen erfolgreichen Standort verwandelte. Auch die ungarische Filiale und Güntner Elektronik erwirtschafteten inzwischen gute Erträge.
Zu einer nachhaltigen Restrukturierung kam es aber erst, als zu Beginn des Jahres 2000 der aus Indonesien zurückgekehrte Fritz Spielauer in die Unternehmensleitung eintrat und gemeinsam mit Helmut Weiser die Führung der Güntner-Gruppe übernahm. Das neue Duo erwies sich auf Anhieb als Erfolgsrezept: Fritz Spielauer ist ein Spitzenmanager, der nach einem Wirtschaftsstudium an renommierten Universitäten in Europa und den USA zunächst beim Kälteanlagenbauer York Branchenkenntnis sammelte, anschließend für Güntner die Zweigstelle in Indonesien sanierte und dabei das Unternehmen gründlich kennenlernte. Der Ingenieur Helmut Weiser war noch vom Firmengründer Hans Güntner 1972 für die Sundstrand-Güntner GmbH angeworben worden und stieg im Unternehmen schnell zum Betriebsleiter auf. 1978 beteiligte er sich am MBO, führte das Jointventure mit Hütötechnika zum Erfolg und ist nach 35 Jahren im Unternehmen mit der Organisation und Produktion bestens vertraut. Die Kombination eines mit der Branche vertrauten Wirtschaftsstrategen und eines erfahrenen Betriebsleiters ermöglichte den schnellen und erfolgreichen Umbau der Güntner-Gruppe.
In kürzester Zeit wurden das Unternehmen organisatorisch gestrafft, überflüssiger Ballast – die Dormagener Wassenberg GmbH und die Beteiligung in Südafrika – abgeworfen und die verbliebenen Unternehmensteile besser aufeinander abgestimmt. Zugleich wurde die gesamte Gruppe konzeptionell und strategisch neu aufgestellt: Globalisierung ist in dieser neuen Unternehmensstrategie kein Selbstzweck mehr, sondern das Ergebnis einer ausgewogenen Verankerung in internationalen Märkten und eines optimierten „time to market” Modells. Zur Modernisierung der Unternehmensstruktur gehörten auch der Abbau zentralisierter Entscheidungswege und die Einführung einer dezentralen und offenen Leitung. Eine große Rolle spielte dabei ein neuer Führungsstil, der Eigenverantwortung und Eigeninitiative in den Unternehmensteilen und Abteilungen fördert. Gleichzeitig wird der Teamgeist großgeschrieben und Führungskräfte agieren heute mehr als Coach denn als Vorgesetzte im traditionellen Sinn.
Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten: In weniger als zwei Jahren wurde aus der unübersichtlichen und wirtschaftlich gefährdeten Güntner-Gruppe ein klar gegliedertes, florierendes Unternehmen, das seine Marktführerschaft in der Wärmeübertragungstechnik weltweit behaupten und ausbauen kann.
Als äußeres Zeichen der abgeschlossenen Konsolidierung und als weiteres Standbein der Globalisierungsstrategie eröffnete Güntner 2002 die Produktionsstätte Güntner Monterry in Mexiko. Eine neue Produktionsstätte in China ist für 2007 geplant.
Tradition, Gegenwart & Zukunft: Der Kundennähe verpflichtet
Die Güntner-Gruppe ist nunmehr auf drei Kontinenten und in allen wichtigen Märkten präsent und etabliert. Obwohl inzwischen weltweit führender Hersteller von Wärmeübertragungstechnik und unangefochtener Marktführer in vielen Bereichen, ist Güntner seiner Unternehmensphilosophie treu geblieben: Noch immer wird eine breite, aber hochspezialisierte Produktpalette gepflegt, die sowohl in großer Stückzahl produziert als auch individuell an ausgefallene Kundenwünsche angepasst werden kann. Die Kundenorientierung ist dabei seit 75 Jahren das zentrale Leitbild des Unternehmens. Einzelkunden mit speziellen Anliegen werden mit der gleichen Sorgfalt betreut wie globale Großkunden – an allen Standorten der Güntner-Gruppe. Ob in der Serienfertigung von innovativen CO2-Verdampfern für Tiefkühllager oder in der entwicklungsintensiven Herstellung von speziellen Wärmeüberträgern für Windkanäle in Formel-1- und ICE-Testanlagen – die „allerhöchste Kundenzufriedenheit” bleibt auch in Zeiten der Globalisierung für Güntner Maßstab allen Handelns.
(Text: Johannes U. Müller, Geschichtsbüro Reder, Roeseling & Prüfer, Köln)
Aus dem Inhalt
Zurück zu:
english